Heidelberg - Theater

Nora Zorn schrieb am 21.05.2005 zu "Zimmertheater Heidelberg"

Klein, aber oho! Ich finde Heidelberg wunderbar und bin davon überzeugt, dass es in dieser Stadt für jeden etwas Interessantes zu sehen gibt, und wäre es nur die herrliche Lage im Neckartal mit der hochaufragenden Schloss-Ruine auf der einen Seite und dem Philosophenweg auf der anderen. Mich zieht aber seit Jahrzehnten ein ganz besonderes Kleinod dorthin, das Z i m m e r t h e a t e r in der Altstadt (Hauptstraße 118). Es hat nur 93 Plätze und die Bühne ist 4 m tief und ca. 7,5 m breit. Man muss in der ersten Reihe die Beine einziehen, um den Schauspielern nicht in die Quere zu kommen. Das gibt dem Ganzen eine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre und ist doch dank der guten Stücke, die dort gespielt werden, großes Theater im Kleinen.- Da die derzeitige Intendantin, Dramaturgin und Regisseurin Ute Richter eine Gespür für gute Stücke, für moderne Theaterautoren und für gute Schauspieler hat, kann sich das Zimmertheater mit Fug und Recht als „großes kleines Theater“ bezeichnen. Groß, was das Niveau betrifft, klein von der Fläche her. Dort wurden z.B. zwei Stücke von Yasmina Reza aufgeführt. Das Stück „Kunst“ hat mir außerordentlich gut gefallen, da es den Vernissagenrummel und den gesamten Kunstbetrieb auf sehr subtile Weise aufs Korn nimmt anhand eines „rein weißen weißen“ Gemäldes, das einer der Protagonisten sich gekauft hat. Es war furchtbar teuer und deshalb müßte es eigentlich auch seinen Freunden gefallen. Trotz Freundschaft und guten Willens finden die Freunde das Bild aber eben nur leer und eben schlichtweg ganz w e i ß. Das führt zu mancherlei Ärger, Kränkung, Missverständnissen - und der Streit wird in herrlichen Dialogen ausgefochten.- So sind die meisten Stücke im Zimmertheater: Anspruchsvoll - aber nicht verbissen ernst und heiter, meist witzig (selten aber zum Totlachen), modern - aber ab und zu auch klassisch. Die Intendantin Ute Richter hat ihr „Handwerk“ unter Anleitung von Gillis von Rappard gelernt, obwohl sie ursprünglich Psychologin werden wollte und dieses Fach auch schon eine Weile in Heidelberg studiert hatte. Sie fiel durch eine Prüfung - und so kam es, dass sie im damals noch sehr jungen Zimmertheater anfing zu jobben.- Und hängen blieb.- Als Gillis von Rappard aus Altersgründen aufhörte, übernahm (1985) Ute Richter die Leitung des Theaters. Man merkt ihren Inszenierungen an, dass ihr die psychologische Ausarbeitung der Charaktere sehr wichtig ist und dass nichts nur der Effekthascherei dient. Sparsamer Umgang mit Gestik und Mimik gibt den Stücken eine Dichte, eine Zurückgenommenheit, eine Qualität, die man in Heidelberg zu schätzen weiß. Ute Richter hat einen guten Riecher für zeitgemäße Stücke, für gute internationale Autoren und für exzellente Schauspieler. Diese wirbt sie von manchen großen Bühnen Deutschlands für einige Monate ab und hebt damit das Niveau ihres kleinen Theaters. Das Publikum dankt es ihr durch llangjährige Treue. Dies zeigt sich schon allein dadurch, dass das Theaterchen eine Auslastung von 97 % hat. Davon können große Bühnen nur träumen. - Ein Freundeskreis Zimmertheater e.V. unterstützt die Bühne finanziell, die übrige Finanzierung kommt von der Stadt Heidelberg und durch Landesmittel. Das 50jährige Bestehen im Januar 2000 wurde mit dem Zwei- Männer-Stück „Enigma“ gefeiert. Es war wieder ein voller Erfolg.Die Schauspieler Harald Heinz und Olaf Bison zeigten, dass es möglich ist, das Publikum zwei Stunden lang zu fesseln. Dazu trug auch das phantasievolle Bühnenbild bei, das trotz der kleinen Fläche durch geschickte Raumnutzung den Eindruck von Raumtiefe und Weite vermittelte. Dies gelang z.B. durch Verandatüren, die sehr überzeugend das Vorhandensein eines Gartens (Rosenranken draußen an einem Spalier) suggerierten. Der geschickte Umgang mit dem kleinen Bühnenraum durch die Bühnenbildner war schon immer für eine Überraschung gut und erfreut die Besucher immer wieder. Das kleine Theater ist in der bekanntesten Straße Heidelbergs angesiedelt, nämlich der Hauptstraße, die Fußgängerzone ist. Der Eingang ist schmal und leicht zu übersehen, da das Zimmertheater sich im Hinterhaus befindet. Ein Blumenhändler bietet seine duftigen Gebilde im Durchgang zum Hof an und hat den Innenhof hübsch gestaltet. Dies kommt dem Theater zu Gute, da das Höfchen im Sommer als luftiges Foyer genutzt wird. Obwohl es so versteckt ist, finden interessierte Besucher doch regelmäßig dorthin und viele Stammgäste halten ihrem Theater seit Jahrzehnten die Treue. Zur Zeit läuft das Stück „Endgeil“ von Gert Heidenreich. Es handelt von einem Enkel, der auf Grund besonderer Umstände alleine mit seinem Großvater die Ferien verbringen muss. Wie sich die beiden einander annähern, kann man sich an jedem Werktag (außer dienstags) um 20 Uhr und sonntags um 17 Uhr anschauen. 20.5.05 Nora Zorn

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